Auf nach Norwegen!
 



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Ein Eingeborener am Esstisch

Freitag, 11. Juli 2008

Gestern Abend um halb sechs rief Martin mich aus der Firma an. „Du, sag mal, reicht unser Abendessen auch für einen mehr?“ Abendessen?, dachte ich. Ja, richtig, da war noch etwas, was ich an diesem ohnehin nervenaufreibend stressvollen Tag hätte besorgen sollen. Dann ging mir schlagartig auf, um welchen Einen es sich handeln musste. „Willst du etwa Kjetil mitbringen?“ In der Tat, das war der Plan. Ich versicherte meinem lieben Gatten, dass ich ein Wunder tätigen und für ein präsentables Essen sorgen würde. „Wann wollt ihr denn kommen?“ fragte ich. „Ähm, so ganz lange wollten wir nicht mehr…“ – „Halt ihn mindestens eine Stunde lang hin!“ verlangte ich, schleuderte das Telefon in die Ecke und brach in panische Betriebsamkeit aus. Während ich hektisch immense Wäschehaufen von Bügelbrett, Wäscheständer und Sofa entfernte, Spielzeugberge in Kisten stopfte und Höhlen aus Wohnzimmerdecken und Couchtischen zerstörte, entwickelte ich einen Generalstabsplan, den ich alsbald mit meinem Stabschef – meiner Mutter – besprach. Die Kinder wurden zu meinem Vater geschafft, sie eilte mir zur Hilfe, und gemeinsam beseitigten wir das allerschlimmste Chaos, während ich Nudeln aufsetzte, den Bodensatz unserer beider Gefriertruhen auftaute zu einem vorzeigbaren Auflauf transformierte. Viel zu früh klingelte das Telefon (erneut, nachdem ich zwischendurch schon Großonkel und LBS abgewürgt hatte) und Martin teilte mir fröhlich mit, dass er und sein Kumpel Kjetil nun auf dem arg kurzen Weg seien. Also Kinder rübergeordert, total verschwitztes T-Shirt in die Ecke gepfeffert und gegen vorzeigbares getauscht, total verstörten Vierjährigen zu beruhigen versucht, und hi Kjetil, nice to meet you eventually and don’t mind the screaming child in my arms, just imagine I was making a good first impression…Oh, and please don’t open any drawers if you don’t want to be crushed by all the stuff that I so frantically shoved inside to hide from you!

Der Abend war dann aber doch erstaunlich nett. Was dem großen Bruder an Charme fehlte, machte der Kleine mehr als wett. Kjetil lobte brav meine Kochkünste. Er aß vier Portionen, was in der guten Schaumburger Tradition das einzig ehrlich gemeinte Kompliment an die Köchin bedeutet und mich daher sehr für ihn einnahm. Wir plauderten angeregt über Kindererziehung, chinesische Mentalität, Schwertransporte und natürlich Norwegen, und letzteres tat er auf eine Weise, als wäre es längst unzweifelhaft beschlossene Sache, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit bei Kjetil auf der Veranda sitzen werden. Also ist jetzt doch wieder Optimismus angesagt. Denn auch wenn der Großchef nicht in die Pötte kommt (Kjetils Darstellung nach ist er wirklich unglaublich beschäftigt), sind sie wohl tatsächlich dankbar für jede qualifizierte Arbeitskraft. Kjetil erzählte, sie hätten in der Maschinenfertigung neulich aus lauter Verzweiflung schon einen Kfz-Mechaniker eingestellt.

Meine Norwegischkenntnisse habe ich nicht anwenden können. Doch, okay, ich hab’s versucht – und dann ganz schnell wieder gelassen… „Jeg snakker litt norsk“, teilte ich Kjetil irgendwann mit, schob aus Bescheidenheit gleicht hinterher: „Men jeg kan ikke si mure.“ Kjetil sah mich ratlos an. „Mure?“ fragte er. „Det er en mur“, sagte er und klopfte an die Hauswand. Mye, ich meinte mye, was ‚viel’ heißt. Und ich dachte eigentlich, ich hätte das auch gesagt. Aber es war schon in Ordnung, ‚Mauer’ konnte ich bis dato auch nicht sagen…

24.7.08 11:46
 


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